Wie das Beck-C-Flügelhorn Melisma für die Berliner Philharmoniker entstand

 Melisma CKurze Geschichte über die Entstehung des  Flügelhorn „Beck Melisma in C“, für die Berliner Philharmoniker

Auf dem Programm des Berliner Ausnahmeorchesters standen 12 Konzerte mit Gustav Mahlers Sinfonie Nr. 3, die mit dem berühmt-berüchtigten aber ebenso wunderschönen Posthornsolo (Hörprobe). Tamás Velenczei, der Solotrompeter suchte ein geeignetes Instrument. Viele Flügelhörner wurden getestet und verglichen. Das bereits gefertigte „Beck-Melisma“ in B-Stimmung gefiel so gut, dass es in der Endauswahl den Zuschlag erhielt. Kurze Zeit nach dem Test fragte mich Tamás Velenczei, ob es möglich wäre, ein ähnliches Modell in C-Stimmung zu bauen.
Diese Anfrage war Herausforderung und Ansporn zugleich. Ist es doch schwierig genug, ein gut intonierendes B-Modell zu fertigen, um wie viel mehr nimmt einen dann die Entwicklung eines C-Instruments in Anspruch?
Wir stellten uns dieser Aufgabe und sagten zu.

Wir, das ist die Meisterwerkstatt des Musikhaus Beck. Matthias Beck, der Inhaber, studierte mit 16 Jahren Trompete und Blockflöte an der Hochschule für Musik und darstellende Kunst Stuttgart. Nach erfolgreichem Aufbaustudium mit Konzertreife schloss sich nahtlos der Militärdienst an. Diesen absolvierte er als Solotrompeter des Heeresmusikkorps in Hannover.
Begeistert vom Instrumentenbau erlernte er diesen Beruf in Rüsselsheim bei der Fa. Glassl. Der Aufbau einer eigenen Werkstatt im väterlichen Musikhaus, begleitet von vielen Orchestereinsätzen in der Württembergischen Philharmonie, folgte. Nach drei Gesellenjahren absolvierte Matthias Beck die Meisterprüfung im Beruf des Metallblasinstrumentenbauers. Damals begann der Becksche Instrumentenbau. Musiker und Handwerker, beide Herzenswünsche waren verwirklicht.
Beck hat alle seine Mitarbeiter selbst ausgebildet. Instrumente von der Piccolotrompete über Doppelhörner bis hin zum Bariton und Euphonium werden in der Dettinger Blechschmiede gefertigt.
Von Null auf Hundert, so war unsere Aufgabenstellung. Es gibt keine C-Flügelhörner, von denen man wenigstens einige Dinge ableiten kann, die man vermessen, oder ausstimmen könnte, die wenigstens einige Erfahrungswerte mitbringen. Nein, wir beginnen hier bei Null.
Die Maschine ist vorgegeben. Es sollte eine Bohrung wie beim getesteten B-Instrument sein, eine Meinlschmidt-Drehzylinder Maschine mit Bohrung 11,0 mm.
Alle unsere Schallstücke, deren Mensur (Mensur = Verhältnis von Durchmesser und Länge) ungefähr passen könnte, wurden mit unterschiedlichen Mundrohren an die Maschine angelötet. Als Anstoß, das ist das gebogene Teil zwischen Maschine und Schallstück, fertigten wir für die ersten Tests ein konisch zulaufendes Zwischenstück, das den Unterschied von Maschinenausgang 11,0 mm auf den Eingangsdurchmesser der unterschiedlichen Schallstücke überbrückt.
Dies geschieht natürlich im geraden, ungebogenen Zustand. Das Ziel hierbei ist herauszufinden, mit welcher Schallstückmensur in Verbindung mit dem ungefähr passenden Mundrohr das neue Instrument gut klingt und in der Höhe ebenso anspricht. Zu große Schallstücke klangen in der Höhe sehr muffig, zu kleine waren im Klang dann wiederum zu trompetenhaft. Immer das Posthornsolo im Hinterkopf, einigten wir uns auf eine neue C-Mensur, die etwa unserem eng mensurierten B-Flügelhorn entspricht.

Der Prototyp klingt jetzt sehr ansprechend, aber stimmt miserabel. Hiermit beginnt die Ausstimmungsarbeit. Langjährige Erfahrung, unterstützt durch erstklassige Computer Hard- und Software sind Voraussetzung für diese Arbeit. Stimmt man einzelne Töne aus, werden einige andere wiederum schlechter intonieren. Hierbei hilft das PC-Intonationsprogramm enorm. Die geplanten Änderungen zeigen sofort die Auswirkung auch auf die anderen Töne der Naturtonreihe. Die wenigsten Änderungen, die der PC vorschlägt, sind auch sinnvoll. Hierbei ist die Erfahrung als Trompeter und Instrumentenbauer gefragt. Man sucht sich den bestmöglichen Kompromiss, lässt sich die Änderung ausdrucken und begibt sich in die Werkstatt.

Anhand der folgenden Bildschirmausdrucke erläutere ich die Ausführung der ersten Stimmungskorrektur.

Das Instrument wird nicht angeblasen, sondern am Mundstück an einen Messkopf mit Gummikappe als Dichtung, angeschlossen. Der ständige Impuls, ein Sinusglissando, erzeugt eine stehende Welle im Instrument. Somit kann jeder Ton sehr exakt und vor allem objektiv gemessen werden.

PC-Vermessung einer Piccolotrompete

PC-Vermessung einer Piccolotrompete

Auf dem Fotosehen wir eine Piccolotrompete mit geradem, noch ungebogenem Schallstück, verbunden mit dem Messkopf des speziellen Computersystems.

Grafik 1
Nach der akustischen Messung erhalten wir im Korrekturprogramm dieses Bild.
Computermessung 1Die grüne Kurve ist die Ausgangsintonation. Die Zahlen (1-12) unter den oberen Tabellen zeigen die Naturtöne des Griffes 0.
1=C (Pedalton); 2= c´; 3=g´, 4=c´´; 5=e´´; 6=g´´, nun der immer zu tiefe 7. Naturton b´´ wird beim C-Instrument mit  Griff 1 gespielt, 8=c´´´.
Bis hierher ist es für ein Flügelhorn wirklich interessant.

Wir sehen an der grünen Kurve, dass der Ton 3, also das g´ auf über -60 Cent liegt, wobei sich der 4. Naturton auf ca. +15 Cent befindet. Zusammengerechnet liegen zwischen der Quarte g´ und c´´ also 65 Cent Differenz, über einen ¼ Ton zu groß. Wir erkennen hier gut die noch miserable Intonation.

Im unteren Bereich der Grafik deuten die farbigen Felder mögliche Korrekturstellen an.
Das Instrument wird mit den orangefarbenen Linien dargestellt. Links das Schallstück, rechts der Anfang des Instruments. Je roter die Farbfelder werden, desto stärker wirken sich die Änderungen aus.

Grafik 2

Computermessung 2

Computermessung 2

Ich habe mich für eine Änderung in etwa der Mitte des Instrumentes entschieden.
Das kleine gelbe Kreuz zeigt die Position 43,8 % der Gesamtlänge an. Es handelt sich um eine Aufweitung des Rohres. Läge die Änderung unterhalb des Schallstücks, müssten wir das Rohr an dieser Stelle einengen.
Rechts sehen wir nun eine bereits sehr gute, neue Intonationskurve, die bei maximaler Genauigkeit der Änderung erzielt werden könnte.

Der Korrekturwert 66,4 cent ist hier ein Wert, der mir die Größe der Änderung anzeigt. Nicht zu verwechseln mit der Tonhöhe.

Durch diese Aufweitung wird sich die Gesamtintonation etwas tiefer gestalten. Die Gesamtläng muss auch gekürzt werden.

Zufrieden mit den ersten Berechnungen, wird nun die Länge der Änderung bestimmt. Es kann ja nicht an einer Stelle einfach um 2 mm aufgeweitet werden. Wir erhielten ein stufiges, gut stimmendes Instrument, das allerdings mit einer schlechten Ansprache und unmöglichem Aussehen jeden Spieler abschrecken würde. Kann man an einer Stelle nur wenig aufweiten, muss die Länge der Änderung vergrößert werden.
Folgende Änderung hat sich nach den ersten Berechnungen ergeben:

Grafik 3

Vermessung 3

Vermessung 3

Aufweitung bei 49,53 cm ab dem Schallstück gemessen

Länge der Änderung: 2 x 11,17 cm

Das Rohr wird um ca. 9,5% aufgeweitet.

Nun geht es in der Werkstatt los. Man versucht, diese Änderungen möglichst exakt zu erreichen. Das Rohr wird weichgeglüht, die Aufweitung erfolgt durch Metallbolzen, die in das Schallstück oder den Anstoß eingeschlagen werden.

Meister Matthias Beck beim Schallstückglühen

Meister Matthias Beck beim Schallstückglühen

 Anschließend wird die veränderte Stelle mit Reibeisen glattgerieben. Die Übergänge müssen weich und sauber verlaufen.
Nach einigen Stunden Ausstimmarbeit geht es wieder an den Computer.
Das Instrument wird neu vermessen. Alle Griffkombinationen werden neu kontrolliert. Was hat sich verbessert, was hat sich verschlechtert. Die nächsten Korrekturen werden errechnet.
Dieser Prozess wiederholt sich so lange, bis wir mit der Intonation des neuen Instruments zufrieden sind. Auch die Naturtonreihen bei gedrückten Ventilkombinationen werden kontrolliert und ausgestimmt. Ab und zu ist es erforderlich, mit einem neuen Schallstück und etwas abgeänderter Mensur ganz von vorne zu beginnen.
Hat man eine gute Intonation erreicht, die bei Ventilinstrumenten immer einen Kompromiss darstellt, wird das Instrument angespielt. Rundum zufrieden geht es an das Maßnehmen der neu entstandenen Mensur. Man möchte das Instrument ja reproduzieren und nicht nur ein Einzelstück ausliefern. Die Form des Schallstückes und des Anstoßes wird genau vermessen und die Innenformen aus Stahl gedreht.

 Werkzeugmacher Steffen Holder beim Fertigen der neuen Schallstückform

Werkzeugmacher Steffen Holder beim Fertigen der neuen Schallstückform

Sind die Schallstücke nun mit der neuen Drückform gefertigt, steigt die Spannung, wenn am Computer die Intonation verglichen wird.
Nach dieser Arbeit sind wir in der Lage, immer wieder Instrumente mit denselben Intonations- und Klangeigenschaften zu reproduzieren.

Eine völlige Neuerung an unseren Flügelhörnern war die Einführung der Stimmbögen mit konischem Verlauf. Die einzelnen konisch verlaufenden Innenzüge des Stimmbogens werden aus einem Stück hergestellt. Vorteil: Der Stimmzug wird bei einer Stimmungsänderung der Gesamthöhe nur noch halb so weit ausgezogen als beim konventionellen Flügelhorn am Mundrohr (Kluppenzug). Dies kommt der Intonation und Ansprache sehr zugute.

Eingießen des Schallstücks Eingießen des Schallstücks

Nun werden nach alter Handwerkstradition die Schallstücke mit Blei eingegossen. Dies gewährt ein sehr gutes Biegeverhalten und zudem für die Handfertigung die Möglichkeit, das Schallstück nach dem Biegen zu pochen. Dadurch entsteht eine sehr glatte Außen- und Innenoberfläche im Gegensatz zu den industriell gefertigten Instrumenten.
Mit den Fingern und Schmirgelpapier kontrolliert man, ob die Falten vollständig herausgepocht sind.
Erst dann kann das Schallstück gefeilt werden. Eine sehr genaue Handführung erfordert das Schallstückfeilen. Dieser Arbeitsschritt entscheidet nicht zuletzt, ob die finale Oberfläche gleichmäßig und schön wird. Danach wird das Schallstück geschliffen und an der Poliermaschine poliert.
Jetzt sind die Schallstücke fertig und bereit zur erneuten Kontrolle am PC.

 

Meister Harald Bosch beim Schallstückeingießen und beim Schallstück pochen

Meister Harald Bosch beim Schallstückeingießen und beim Schallstück pochen

 

Die Ausstimmarbeiten sind fertig.
Die Einzelteile wie Schallstück, Züge, Bögen, Zwingen liegen bereit.
Jetzt wird das Instrument zusammengelötet, verputzt und natürlich mit großer Spannung angeblasen; mit unterschiedlichen, wechselbaren Mundrohren versehen und losgeschickt nach Berlin.

Der erste Anruf von Tamás Velenczei, dem Berliner Solotrompeter lies nicht lange auf sich warten. Gleich der erste Prototyp hat ihn in Sachen Ton, Ansprache und Grundintonation begeistert. Aber ohne Sonderwünsche geht natürlich nichts. Er spielt den ersten Zug lieber etwas kürzer, aber dafür mit einem Kombinationstrigger am 1. und 3. Zug. Somit geht er dem Kompromiss zwischen dem d´´ und dem a´´ aus dem Wege. Er kann bei einem hohen a´´ immer noch mit Hilfe des Triggers den 1. Zug etwas verlängern.
Weiter wünschte er Überblasklappen für das a´´ und c´´´. Diese Klappen unterstützen geöffnet einzelne Töne und erlauben auch ein Pianissimo bei sehr direkter Ansprache. Nicht zuletzt wurde der 3. Zug ohne störende Wasserklappe als abnehmbarer Doppelzug gefertigt.

Wieder zurück in Dettingen, wurde das Instrument wunschgemäß modifiziert, nochmals in Berlin geprüft und dann in der Galvanik mit einer edlen Goldschicht überzogen.

Detail des Melisma Flügelhorns in C mit Doppeltrigger am 1. und 3. Zug, handgeschmiedeter langer Wasserklappe, 3. Zug als Doppelzug ausgelegt und 2 Überblasklappen Detail des Melisma Flügelhorns in C mit Doppeltrigger am 1. und 3. Zug, handgeschmiedeter langer Wasserklappe, 3. Zug als Doppelzug ausgelegt und 2 Überblasklappen

 

Nach der 9. Vorstellung der 3. Mahlersinfonie rief mich Tamás Velenczei an und redete begeistert von seinem neuen C-Flügelhorn Melisma. Mittlerweile heißt dieses Instrument Melisma C „Berliner Modell“.

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