Marc Euchner über Ratingen nach Novi Sad?
Zehnkampf in Ratingen, die letzte Qualifikationsmöglichkeit für die Internationalen Meisterschaften
Novi-Sad, die serbische Universitätsstadt ist Austragungsort der Junioren Leichtathletik EM 2009.
Der Zehnkampf ist auch dort die Königsdisziplin.
Die Norm des Deutschen Leichtathletikverbands DLV ist in der Juniorenklasse mit 7200 Pkt. angegeben.
Marc Euchner gehört zu den besten deutschen U20 Zehnkämpfer und wurde für Ratingen nominiert.
Das Ziel: Platz 3 unter Deutschlands Besten und 7200 Punkte
Hunderte, vielleicht schon 1000 Einzelstarts absolviert,
viele Mehrkämpfe bereits bestritten,
Landesmeistertitel,
aber die Krönung ist Ratingen.
Zehnkampf in Ratingen. Bisher immer nur verfolgt,
davon gelesen, im Fernsehen geschaut.
Diesmal ist es ganz anders,
selbst von den Kameras eingefangen und vor dem 100m Start
ganz groß im Bild.
Der Name schallt durch das Stadion.
4000 Besucher sollten es werden.
Nun geht´s los.
Zehnkampf, für mich die schönste Sportart der Welt. (Mehr und größere Fotos von Marcs Zehnkampf am Ende des Berichts)
100m – Die erste Disziplin.
Du stehst vor deinem Startblock und weißt, jetzt erschallt der Startschuss für 2 Tage harten aber unbeschreiblich schönen und abwechslungsreichen Wettkampf.
Anders als in vielen Einzelwettkämpfen ist das Umgehen mit den Konkurrenten, oder besser gesagt mit den Mitstreitern oder noch besser mit den Freunden. Die Zehnkämpfer gehen gemeinsam durch diese 2 Tage.
Das gegenseitige Abklatschen ist vorbei.
Noch ein paar kleine Hüpfer.
Du platzierst dich auf deinem Startblock
Jetzt zählst nur du selbst
Fertig
Schuss
Die Aufregung fällt spontan
Der Start ist geglückt
Du bist dabei, die anderen ziehen nicht weg
Locker bleiben auf den letzten 30 Metern,
keinesfalls verkrampfen,
nein, ich muss mein Rennen laufen, schießt mir durch den Kopf
und schon ist die erste Disziplin vorbei.
Die Spannung steigt wieder; wie ist die Zeit?
Warten – dann auf der Anzeigetafel – Euchner.M. 11,3 sec. Gut! Die ersten 795 Punkte kann dir keiner mehr nehmen!
Das beruhigt und motiviert zugleich.
Die Schneligkeit und Spritzigkeit sind für die zweite Disziplin, den Weitsprung, genauso wichtig.
Aus diesem Grund ist es ratsam, keine zu lange Pause zwischen diesen ersten Disziplinen einzulegen.
Die Mehrkämpfer begeben sich ziemlich direkt zur Weitsprunganlage.
Der Anlauf wird ausgemessen, die Markierungen gesetzt und ein paar lockere Sprünge werden in die Grube gesetzt.
Dann müssen unbedingt ein paar Probesprünge mit vollem Tempo absolviert werden.
Nicht um möglichst weit zu fliegen, nein, um zu kontrollieren ob das Absprungbrett getroffen wird.
Nun, Marc trifft den Absprung und verzichtet auf zu viele Sprünge.
Der Plan, 6,80m wären gut.
Mit etwas Rückenwind und super Absprung könnten es auch 7 m werden.
Mit 6. 60m könnte man auch noch “leben”.
Der erste Versuch steht an. Den Fähnchen sieht man es an. Der Wind wechselt ständig.
Anlauf, schnell und dynamisch, es knallt, das Brett ist getroffen, super Flug und gute Landung, weiße Fahne, Spannung.
In Ratingen wird optisch vermessen, warten, klasse, 6,79 im ersten Versuch. Die nächsten 764 Punkte stehen zubuche.
Jetzt kann in Versuch 2 und 3 riskiert werden. Leider etwas zu viel. Diese waren dann ungültig.
Pause
Nun können sich die Athleten etwas ausruhen. Für das Kugelstoßen, der 3. Disziplin sind Schellkraft und Technik gefragt. Nicht der mit den stärksten Oberarmen muss auch am weitesten stoßen. Nein, viel Druck und Beschleunigung der Kugel kommt aus den Beinen, der Oberschenkelmuskulatur, der Rumpfkraft und zuletzt der Abstoßschnellkraft des Armes. Diese einzelnen Phasen in eine “runde” Stoßtechnik zu verbinden ist die Kunst dieser Disziplin.
Marc hatte im letzten Testwettkampf über 14 m gestoßen. Aber diese Disziplin beherrscht er noch nicht so konstant und kontinuierlich stark wie zum Beispiel das Diskuswerfen. Deshalb das Ziel, um die 13.50 m zu stoßen wäre OK. Aber die 13 sollte schon vor dem Komma stehen.
Der erste Versuch steht an.
Grundstellung. Die Kugel wird hochgehoben und austariert. Sie liegt gut in der Hand. Tiefgehen. Schwungbein ausstoßen. Den Oberkörper hinten lassen. Verwringung der Körperachse. Beschleunigung aus dem Abdruckbein, die Hüfte nach vorne bringen, den Körper aufrichten, das Stemmbein strecken, und nun ausstoßen, der Kugel hinterhergehen und noch möglichst eine letzte Beschleunigung durch die Finger mitgeben.
Das alles passiert in etwa einer Sekunde.
Sofort danach weiß der Athlet, ob sein Versuch gut oder schlecht war. Er spürt es.
Kopfschütteln bei Marc. 12.75 m. Nun ja, er hat noch 2 Versuche.
Aber diese Versuche brachten auch kein besseres Ergebnis. “Nur” 652 Punkte für die 3. Disziplin. Zu den mindestens geplanten 13.50 m sind nun beinahe 50 Punkte “verschenkt” worden. Das ist das reizvolle am Zehnkampf, eine schlechtere Disziplin kannst du immer noch mit einer überdurchschnit-tlich guten ausgleichen. Der Mehrkämpfer denkt sofort weiter. Was kann ich tun, um diese Disziplin wieder wett zu machen. Einen Toptag mit 7 neuen Bestleistungen in einem Zehnkampf, wie Michael Schrader in Götzis erlebte, sind absolut Highlights. Aber irgendwann passieren diese jedem hart trainierenden Athleten.
Die 4. Disziplin, der Hochsprung.
Unglaublich aber wahr, pro cm an Höhe gibt es 8 bis 9 Punkte mehr.
Die Sprunghöhensteigerung wird aber in 3cm-Schritten durchgeführt. Das heißt, pro nächste übersprungene Höhe erhältst du 25 Punkte mehr. Eine Chance viel herauszuholen, aber auch einiges zu verlieren.
Marc springt die 1,80 m sicher und auch 1,85 m sind meistens möglich. Diese Höhe wurde aber nicht aufgelegt. 1, 84 m übersprang Marc ohne Probleme im 2. Versuch. Bei 1.87 m scheiterte er allerdings knapp.
Der Hochsprung also mit guter Leistung, aber das Kugelstoßergebnis wurde noch nicht kompensiert. Mit 661 Punken verließ er das Hochsprungfeld.
Von vielen gefürchtet von manchen geliebt.
Der härteste Sprint der Leichtathletik: die 400m
Mark gehört zu denen, die 400m sehr gut laufen können. Er ist ein Kämpfer. Wenn nichts mehr geht, geht immer noch ein Bisschen.
Mark kann die Stadionrunde unter 51 sec. laufen. Das isr sehr gut.
Doch wer ihn trainieren sieht und ihn kennt weiß, dass er absolut die Schallmauer von 50 sec. durchbrechen kann. Mit viel Motivation trat er diese Diziplin an. Er lief die ersten 200m in einer 23er (sec.) Zeit an, er hatte über 15 m Vorsprung mit dem er auch in die Zielgerade einbog. Die Zuschauer staunten und feuerten ihn an. Doch leider war das Anfangstempo etwas zu forsch und der starke Gegenwind auf den letzten 100m tat sein Übriges. Die Mitstreiter kamen heran. Marc. gewann diesen Lauf bravorös in 50,86 sec.
Schade, dass Marc nicht in dem schnelleren Lauf von Kai Kazmirek eingeteilt wurde, der noch schneller anlief und am Ende die Tagesbestzeit aller Ratingenzehnkämpfer mit 47.91 sec. erzielte. Nach dem 400m-Lauf und weiteren sehr guten 775 Punkten beendete Marc den ersten Tag mit guten 3647 Punkten.
Damit lag er nur 33 Punkte hinter seinem bisher besten Zehnkampfergebnis, das ihm am Ende 7097 Punkte einbrachte.
Marc versucht 7200 Punkte zu erzielen, ist aber im Vergleich zu seinem besten Zehnkampf mit 7097 Punkten mit 33 Zählern im Rückstand. Das heißt, er “muss” am 2. Tag 140 Punkte aufholen.
Nun heißt es gut auslaufen, etwas dehnen, möglichst eine wohltuende Massage, gut Essen (angenehmer Teil des Mehrkampfes), und möglichst auch etwas schlafen. Die Nacht ist kurz…
9 Uhr Start. Pünktlich.
Das ist hart. Du musst recht früh aufstehen, etwas laufen, gut frühstücken, und bei Zeit im Stadion sein, um für den Hürdenlauf, einer nicht ungefährlichen Disziplin, absolut fit zu sein.
Nur austrainierte Körper verkraften einen ersten Zehnkampftag mit der härtesten Sprintdisziplin der Leichtathletik am Schluss, den 400m und sind am 2. Tag morgens topfit.
Marc, ein guter Hürdenläufer, sieht dem Tag kämpferisch entgegen.
Ein gutes Zeichen. Sind doch 140 Punkte aufzuholen.
Aber in der ersten Disziplin Punkte herauszuholen?
Markiert Marc doch immer deutlich über 800 Punkte im Hürdensprint!
Also die erste Disziplin des 2. Tages muss anständig über die Bühne gebracht werden.
14,8 sec. sind angestrebt. Und dies um 9 Uhr morgens!
Wie oft hören auf internationalen Meisterschaften, “Die Quali war zu früh”, “um diese Zeit kann ich noch nicht volle Leistung bringen”, “ich hätte um diese Zeit noch einen Versuch gebraucht”…. NEIN!!! Nicht die Zehnkämpfer, die sind einfach fit um diese Zeit!
Marc lief gut und exakt die 14,80 sec. 874 Punkte waren sicher. Klasse!
Die 7. Disziplin, das Diskuswerfen
Die Umstellung vom Hürdenlauf auf die Diskusdisziplin fällt vielen Zehnkämpfern nicht leicht. Hier ist ein Vorteil der Zwillingsbrüder Euchner festzustellen. Immer wieder baut Vater und Trainer Uwe Euchner das Diskuswerfen in den Trainingsablauf ein. Solide Technikschulung und stetes Werfen bringen Konstanz in diese Disziplin. Auf der einen Seite Abstand von den Mitstreitern, aber durch die ständig guten Leistungen wenig Möglichkeit zur deutlichen Punkteverbesserung.
Mit hervorragenden 44.37 m belegte Marc hinter Zwillingsbruder Patrick und dem für LAV Bayer Uerdingen startenden Darius Rocholl den 3. Platz. Mit 756 Pkt. ein sehr gutes Ergebnis, aber nur wenige Punkte aufgeholt.
Nun bleiben nur noch 3 Disziplinen.
Der Stabhochsprung, die 8. Disziplin.
Pro 10 cm können 28 Punkte aufgeholt werden.
Dies ist auch die Disziplin, in der Marc beim letzten Zehnkampf mit übersprungenen 4 Metern um 40 cm unter seiner Bestleistung blieb.
Hier kann ich gutmachen. 4.40 m sind angepeilt.
Es läuft gut. Einstiegshöhe 3.80 m ohne Probleme. Die “90″ werden ausgelassen. 4m im Ersten. Das sieht gut aus. 4.10 m sind aufgelegt. Marc überspringt ebenfalls im ersten Versuch. Die ersten 28 Punkte sind aufgeholt. Im Kopf immer noch die 7200
Punkte.
Die 4.20 m. dürften doch nach der bisherigen Leistung kein Problem sein.
Doch die difizile Disziplin fordert Tribut. Zwei ungültige Versuche kosten Kraft und Nerven.
Der letzte Versuch. Marc läuft an, senkt den Stab und sticht ein, zieht sich hoch, der Katapulteffekt des Stabes tritt ein und Mark überspringt die 4.20 m.
Die nächsten 28 Punkte sind gutgemacht.
4.30 m. , die nächste Höhe.
Leider war diese Höhe an diesem Tag für Marc nicht zu bewältigen.
Es wird immer knapper.
Mark liefert einen tollen Zehnkampf ab, aber er kämpft nicht nur gegen Mitstreiter, sondern auch gegen die Punktetabelle, gegen die Norm, gegen 7200 nein um 7200 Punkte.
Der Speerwurf steht als vorletzte Disziplin auf dem Programm.
Er kann 50m werfen. Das wäre eine tolle Sache.
Beim letzten Zehnkampf in Berhausen warf er 46.24 m.
Mit 47.93 m in Ratingen warf er zwar Bestleistung innerhalb eines Zehnkampfes, aber blieb hinter seinen Erwartungen etwas zurück. Mit 558 Punkten ist diese Disziplin sein schwächster Punktelieferant innerhalb des Zehnkampfes.
Die 10. und letzte Disziplin
Von einigen Zehnkämpfern “der Marathon” genannt, die 1500 m.
Sind von einem Mehrkämpfer doch Sprintschnelligkeit, Schnellkraft und Sprungkraft gefordert, passt so ein 1500m Lauf doch gar nicht ins Konzept.
Muskelbepackt 3 3/4 Stadionrunden laufend, sehen die Mehrkämpfer meist bemitleidenswert aus.
Zugegeben es ist auch hart, nach zwei langen Wettkampftagen sich noch dieser Strapaze auszusetzen.
Doch hier entscheidet sich noch mancher Zehnkampf.
Man kann genau rechnen, die Punkte der 9 Disziplinen stehen fest.
Wie schnell muss ich laufen um meinen Konkurrenten einzuholen oder für Marc, wie schnell muss ich laufen, um die Norm für die Europameisterschaften zu knacken.
Nun Marc, das sind genau 4 min und 38 sec., die du brauchen darfst. Das ist schnell für einen Zehnkämpfer.
Das heißst, er muss seine Bestzeit um exakt 10 sec. verbessern.
Er sagt, ich weiß, dass ich schneller kann, aber gleich 10 Sekunden?
74er Runden waren geplant.
Marc läuft wie ein Uhrwerk.
Anfeuerungen aus allen Stadionkurven.
Die Zeit passt.
Unglaublich!
Er wird in der 4. Runde etwas langsamer.
Doch dann die letzten 100m, die Uhr zeigt, es ist noch alles möglich.
Marc kämpft mit letzter Kraft.
Das Ziel ist nahe….
Erschöpft liegt er auf der Tartanbahn und hofft..
Nach einigem Warten das Ergebnis: 4.min 39.19 sec.
So hart kann 10-Kampf sein.. Marc fehlen zu der Qualifikationsnorm nur 7 Zähler.
Das sind im 100m-Lauf 4 /100 sec.
im Weitsprung 3 cm
Im Kugelstoßen 11 cm
im Hochsprung 1 cm (eine Sprunghöhensteigerung sind 3 cm)
im 400m Lauf 1,5 Zehntel sec.
Auf 110 Hürden 8/100 sec.
Im Diskuswurf 44 cm
Im Stabhochsprung 3 cm (eine Sprunghöhensteigerung sind 10 cm)
Im Speerwurf 58 cm
Im 1500 m Lauf 1,18 sec
Marc hat alles gegeben, wurde auch vom Bundestrainer zur Nominierung vorgeschlagen.
Er wurde drittbester Deutscher U20 Mehrkämpfer.
Wir drücken die Daumen und hoffen für Marc.
Wenn es nicht sein sollte geht er seinen Weg unbeirrt weiter.
Dank an die Zwillingsbrüder und den unvergesslichen Wettkampf in Ratingen.
Marc war trotz der fehlenden 7 Punkte bei der Siegerehrung überglücklich und freute sich rießig über seinen tollen Wettkampf.
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